Montag, 29. Oktober 2012

Zuggeschichten


Es rattert und es quietscht, es ist warm oder zu kalt, es ist ungestört oder nervend, es ist ermüdend oder spannend: eine Zugfahrt. Ab und an komme ich in den Genuss einer Fahrt auf gepolsterten, aber dennoch harten Sitzen mit Passagieren, die alle ihre eigene Geschichte haben. An manchen Tagen finde ich es äußerst amüsant den Gesprächen meiner Sitznachbarn zu lauschen. An anderern würde ich mich am liebsten wegsetzen und dafür meinen hart erkämpften Fensterplatz verlassen. Wieder an anderen blende ich sie einfach aus. Bei meiner letzten Zugfahrt allerdings passierten einfach zu viele Klischees auf einmal, ohne das ich sie unbeachtet lassen könnte. 
Zunächst saß ich allein an einem Platz für vier Personen im Serviceabteil der Regionalbahn. Der Service hier besteht aus einem Snackautomat, der gerne das Kleingeld schluckt, ohne eine Süßigkeit herauszugeben, und der Luxus eines Tischen zwischen jeweils zwei Passagieren. Meine Ungestörtheit währte jedoch nicht lang und ich begegnete der ersten Klischeegruppe einer Zugfahrt, die man häufig trifft: eine Mutter mit zwei Kindern. Russen. Mit Essen vom Chinesen. Es ist natürlich nicht verwunderlich, dass sich solche Menschen immer in meine Nähe setzen müssen und der gemütliche Platz für vier direkt neben mir am besten für sie geeignet ist. So werde ich also eingenebelt in dem Dunst nach chinesischen Nudeln und Reis, gepaart mit russischen und deutschen Worten, die für mich teilweise keinen Sinn ergeben (und ja, ich hatte Russisch in der Schule...). An normalen Tagen würde mich das nicht sonderlich stören, doch an diesem Tag wollte ich mich einfach wieder mal durch die Seiten der "Rosenzüchterin" kämpfen ohne dabei in meiner Konzentration gestört zu werden. Mein Vorhaben blieb unbeachtet. Nachdem die Familie fertig war mit ihrem Schmaus spielten sie eine Art "Schnick-Schnack-Schnuck". Lautstark. Immer wieder wankend zwischen deutscher und russischer Sprache, die mich zunehmend verwirrte. 
Ich versuchte die kleine Gruppe mit bösen Blicken zu taktieren, jedoch ohne Erfolg. So richtig böse gucken konnte ich auch einfach nicht. Immerhin waren Kinder im Spiel und die ruhig zu halten, ist mit Sicherheit auf so einem schnöden Ereignis wie einer Zugfahrt bestimmt kein... Kinderspiel. Das Glück sollte dennoch auf meiner Seite sein. Wir waren etwa fünfzehn Minuten unterwegs, als beide Kinder von dem monotonen rattern und den immer gleichen Landschaften vor dem Fenster ermüdeten und sich ihren Träumen hingaben. Die Chance für mich, einige Seiten weiter zu kommen. 
An der nächsten Haltestelle stieg dann eine zierliche Frau mittleren Alters in "mein" Abteil, bepackt mit Koffer und Handtasche. Sie setze sich mir gegenüber und ich war hocherfreut: sie war allein, konnte mich daher nicht stören. Dachte ich. Ihr Telefon klingelte und schon kam ich in den Genuss der nächsten Klischeegruppe: Menschen, die im Zug lautstark telefonieren und nicht nur sich, sondern das gesamte Abteil damit unterhalten. Diese Frau verkörperte das Vorurteil mit ihrem gesamten Stimmorgan. Zunächst noch in normaler Zimmerlautstärke, steigerte sie sich dermaßen in das Gespräch hinein, dass sogar schon bald Passiere aus dem hinteren Teil unseres Waggons laut wurden und fragten, ob ihr mal nicht jemand sagen könne, dass sie bereits schreit. Ich konnte das nicht. Ich hielt mir irgendwann das linke Ohr zu, drehte den Kopf demonstrativ aus dem Fenster und schnaufte. Immerhin konnte ich abermals nicht weiterlesen. Nach gefühlten 30 Minuten die in Wirklichkeit vermutlich nicht einmal fünf waren, wurden wir alle erlöst und ich mag es kaum glauben, aber Zuggäste applaudierten sogar, als ein gebrülltes "Tschüüüß" zu hören war. Die zierliche Frau konnte nun auch nicht mehr so tun, als würde sie die Kommentare der anderen nicht hören und erötete, so dass sie mir fast schon wieder leid tat. Aber nur fast. 
Ab jetzt hatte ich wieder Gelegenheit weiter zu lesen und ich schaffte ganz drei Seiten, als der Zug wieder hielt und ein Pärchen sich auf den Zweierplatz hinter mich und ein junger Mann neben mich setzte. Das Pärchen war damit beschäftigt Musik über ihre Kopfhörer zu hören; kein Störpotential für mich. Der junge Mann neben mir zog nicht einmal seine Jacke aus, so dass ich vermutete, dass er gleich wieder ausstieg und so ertrug ich auch seine Macke und damit mein nächstes Vorurteil störender Zugpassagiere: er kaute Kaugummie und war erkältet. Eine gefährliche Mischung. In meinem linken Ohr war nun permanent ein Knatschen und Schniefen zu hören. Knatsch knatsch. Schnief. Knatsch knatsch knatsch. Schnief. Knatsch. Schnief. Wie soll man sich da auf irgendetwas anderes konzentrieren? Aus dem Fenster starren machte nun bereits keinen Sinn mehr, da es draußen dunkel und ich mich höchstens selbst in der Scheibe sah. Also lauschte ich den leisen Gesprächen des Pärchens hinter mir, die allerdings irgendwann nicht mehr reden, sondern viel lieber knutschen wollten. Also konnte ich bald nur noch ein nervendes schmatzen hören. Knatsch knatsch schnief schmatz knatsch knatsch schmatz. Wie gut, dass ich sowieso keine Zeit mehr hatte mich in die Buchstabenwelt der "Rosenzüchterin" zu kämpfen, denn die nächste Haltestelle war meine und ich verließ die ganz eigene von Vorurteilen belegte Welt der Zugfahrten. Die nächste kommt mit Sicherheit.


Welche Geschichten könnt ihr von euren Zug-, Metro- oder S-Bahnfahrten erzählen? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich?

Kommentare

  1. Ooohja... von sowas kann ich ja auch Lieder singen... Besonders schön sind diese geschlossenen 6er-Abteile in ICEs bei voll besetztem Zug und noch schöner wird es mit 3 Stunden durchgängig schreienden Kindern im Abteil oder ausgefallener Klimaanlage... Ich habe es aber auch schonmal erlebt, dass ich mein Netbook im Zug anhatte, um an einer Arbeit für die Uni weiter zu schreiben (lohnt sich bei 3stündiger Zugfahrt ja durchaus). Da saß mir dann doch tatsächlich mal eine ältere Dame gegenüber und erklärte mir, ich würde zu laut auf "dem Ding da herumhämmern" (und meine Netbooktastatur ist wirklich leise...). In dem Moment hab ich mich gefragt, ob sie es schonmal erlebt hat, wenn schreiende Kinder im Abteil sitzen oder jemand eine Currywurst futtert und das ganze Abteil danach stinkt... Praktischer Weise schlief kurz darauf der Typ neben mir ein und schnarchte so laut, dass er mein Tastaturgeklimper übertönte... Dass dann meine Konzentration für die Arbeit hinüber war, ist natürlich dann ein anderes Problem...

    Toller Artikel auf jeden Fall!

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    1. Hallo Julie!
      Diese Oma scheint wirklich nicht allzu oft mit dem Zug zu fahren, wenn schon das kleinste Geräusch in Form von Tastaturgeklimper tatsächlich stört... Aber wie schön, dass dir "geholfen" wurde mit dem schnarchenden Menschen neben dir - eindeutig auch wieder so ein typischer Fahrgast, findest du nicht auch? Gehört mit auf meine Klischeeliste!

      Auf das deine nächste Fahrt nicht allzu nervenaufreibend wird und du die Zeit auch produktiv nutzen kannst :)

      Ich wünsche dir noch einen schönen Montagabend. Liebe Grüße

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  2. Oh, welche Geschichten? ETLICHE *lol*

    Meine liebsten ( und leider immer wieder kehrenden) sind generell diese:
    Ich bin selbst etwas fülliger und weiß das ich eben deswegen etwas mehr Platz benötige - deswegen setze ich mich generell nur hin wenn ich sehe ich störe keinen oder so.
    Dumm das aber immer genau DANN irgendwelche Frauen/Männer meinen, die minimum 120kg wiegen und noch mehr Platz als ich brauchen, sich direkt neben mich setzen müssen - da wirds sich auf die Jackentasche, Hosentasche ach auf den halben Oberschenkel gesetzt weil man ja da bestimmt noch hinpasst - egal wenn ringsrum noch Plätze frei sind bei denen man nicht auf irgendjemands schoß hocken muss - man steuert generell mich an -.-

    Ganz toll auch generell wenn ich ca. einmal im Monat Freitags zu meinen Eltern per IC fahre und Sonntags wieder zurück. Ich weiß das da immer total viele Leute fahren, da ich außerdem meist meine Katze dabei habe und ich auch keine Lust auf stehen habe, gebe ich bereitwillig die 4€ Sitzplatzreservierung aus.
    Dumm nur das man sich dann, vor allem Freitags, ersteinmal durch eine Meute von jungen Leuten kämpfen muss die eben keine 4€ über hatten und deswegen den gesamten Eingangsbereich an den Türen mit Taschen und Körper blockieren - aber am tollsten ist es dann wenn irgendwelche Leute auf den Platz hocken und ersteinmal eine grundsatzdiskussion führen wollen. Da ich generell via Automat kaufe passiert es eben öfter das meine Reservierung nicht ansteht und ich einen Platz habe auf dem dann steht " ggf. reserviert" ggf scheint vielen nichts zu sagen und so musste ich nicht nur einmal meine Karte zücken ( mir ist es auch schonmal passiert das mir dann trotzdem nicht geglaubt wurde bis der schaffner dann irgendwann gott sei dank kam) .
    Toll dann natürlich auch, wenn dann hochschwangere oder Älter den Platz belegt haben. Inzwischen bin ich eiskalt, ich jage generell JEDEN von meinem Platz. Denn ich bin der Meinung das man nach 8 Monaten schwangerschaft oder 85 Jahre wissen müsste das man plötzlich einen Platz braucht - beides ist man ja immerhin nicht über Nacht geworden.
    Auch bin ich nicht bereit von meinem Platz zu weichen wenn jemand der Meinung ist "ja, aber sehen sie doch im wagen sind doch noch Plätze frei" da werde ich gerne auch mal ein klein wenig patzig: " und warum müssen sie dann ausgerechnet auf den Platz sitzen der reserviert ist?"

    hach, von den ganzen Sonntagsfahrer die noch halb betrunken ungewaschen neben mir sitzen und dabei Döner essen müssen - will ich gar nicht erst anfangen ^.^

    lg

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    1. Ohje, nach deinen Ausführungen frage ich mich tatsächlich, warum man sich überhaupt noch dieser "Zugquälerei" aussetzt... vielleicht, weil man dann keine Geschichten zu erzählen hätte? ;)

      Ein Sitzplatzproblem habe ich auch schon einmal erzählt bekommen von einer Freundin. Diese hatte zur Weihnachtszeit einen Sitzplatz im ICE reserviert und was war dann? Die haben einfach den Wagon, in dem ihr Platz war, abgekoppelt, da an einem anderen Platzmangel herrschte! Das sie deshalb die 2-stündige Fahrt auf einer Treppe sitzen musste, ist natürlich mehr als unverschämt. Aber "Gott sei Dank" war an diesem Unglück ja die Bahn schuld und kein frecher Passagier, der sich einfach auf ihren reservierten Platz gesetzt hatte. Ich hoffe, dass deine nächste Fahrt wesentlich entspannter wird und auf jeden Fall niemand wagt, sich auf deinen Platz zu setzen!

      Liebste Grüße sende ich dir.

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    2. Die schlimmsten sind überhaupt die Leute mit einer Katze ;)
      Denn dann werde ich selbst zum größten Störobjekt, da meine Katzenallergie losgeht und ich dann schniefe, nieße und träne bis zum umfallen (im wahrsten Sinne des Wortes) Dann hilft nur noch ein anderes Abteil oder ein Arzt.

      Aber ansonsten finde ich auch immer lustig, wenn manche Leute ein überaus großes Mitteilungsbedürfnis haben und einem die ganze Lebensgeschichte erzählen. Nein ich wollte gar nicht hören, dass sie Venenprobleme haben und darum nicht mehr so weit zu Fuß laufen können um die Schwester zu besuchen....und der nächste OP Eingriff auch bald bevorsteht...
      Oder die Leute, die beim Wort Schlaf/Liegewagen, das Wort Schlafen nicht verstanden haben und sich wie im Ferienlager fühlen und dann bis 3 Uhr Krach machen und dauernd rein und rauslaufen. Schön wenn die dann Morgens nicht ausgeschlafen sein müssen- ich bin jedoch noch nicht am Ziel, wo der Zug dann 9 Uhr hält, sondern muss schon 6 Uhr aus und umsteigen...
      Oder was auch nervig war: Wenn die Leute im Liegewagen die Verriegelung nicht aufbekommen und dann Nachts panisch werden. Einmal ging es tatsächlich etwas schwerer als sonst und ich war die Einzige, die das Ding aufbekommen hat und durfte dann jedes Mal, wenn jemand herauswollte aufstehen und Türöffner spielen. Den Vorschlag das Ding offen zu lassen, nehme ich lieber nicht an, sonst klaut mir noch jemand das Gepäck unterm Sitz weg.

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    3. Ohje, Katzenbesitzerin und Allergiker in einem Abteil. DAS habe ich (Gott sei Dank) auch noch nicht erlebt. Eine eindeutig gefährliche Mischung!

      Und stimmt: diese Menschen mit dem großen Mitteilungsbedürfnis habe ich auch schon kennengelernt. Erst vor kurzem war das aber nicht ein Mensch der älteren Generation, sondern eine Schülerin, die nach zwei Tagen Beziehung mit ihrem Freund bereits gewagte Zukunftspläne schmiedete. Teilweise war ich mir aber nicht sicher, ob sie mit mir oder doch nur mit sich selbst spricht. Ein sehr verstörendes Erlebnis...

      Im Schlafwagen war ich in meinem Leben bereits zwei Mal unterwegs, aber jedes Mal in einer großen Gruppe, sodass wir immer einen ganzen Wagon für uns hatten. So konnten wir auch niemanden stören, wenn es bei uns länger dauerte mit dem Schlafengehen ;)

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  3. Hihi, jaaaa, also nach 4 Jahren tägliches Pendeln zur Uni (pro Fahrt aber nur 45 min) kann ich mich direkt in deine Geschichten hineinversetzen ^^ (kleiner Tip am Rande: Beim Schreiben öfter mal einen Absatz einfügen, das erleichtert das Lesen:) )

    Ich kenne da auch genügend Stories :D Meine liebste: Ein Jugendlicher steigt ein und hört über Kopfhörer entsetzlich laut Musik. Und ich meine wirklich entsetzlich laut. Techno, bum bum bum. Naja.
    Dann stiegen an der nächsten Haltestelle drei Herren ein. Alle drei in Hemd und Krawatte und setzten sich direkt in die Nähe des Jugendlichen, weil da noch ein kompletter Vierersitz frei war.
    Dann folgendes:

    Mann A: "Diese laute Musik ist ja echt rücksichtlos..."
    Mann B: "Ja, furchtbar... aber ich hab jetzt keine Lust auf Streit, wir steigen ja eh gleich wieder aus..."
    Mann C zu dem Jungen: "Entschuldigung, können Sie bitte Ihre Musik etwas leiser machen, wir fühlen uns dadurch etwas gestört, die ist wirklich sehr laut!"
    Junge: "Pff, mir doch egal, setz dich dich woanders hin, wenn's dich stört, Alter!"
    Mann C: "Also, wie respektlos ist das denn bitte?"

    Dann fing Mann C an, jede Minute den Jugendlichen anzutippen und zu fragen, ob er seine Musik bitte leiser machen würde. Also der Junge dann immer grantiger und beleidigender wurde, sagte Mann C nur: "Wenn es Sie stört, dass ich sie immer wieder darauf hinweise, setzen Sie sich doch woanders hin!"
    Und das ging wirklich immer so weiter...
    Mann C: "Entschuldigung, können Sie bitte Ihre Musik etwas leiser machen, wir fühlen uns dadurch etwas gestört, die ist wirklich sehr laut!"
    Jugendlicher: "Lass mich in Ruhe, Spießer [später zu ersetzen durch Schimpfwörter, die echt unter die Gürtellinie gingen].

    Dieses Hin und Her ging tatsächlich so lange, bis die Männer wieder ausstiegen, also etwa 15 min.

    Anfangs fand ich es amüsant, fünf Minuten später war's echt nur noch peinlich für beide und hat echt genervt. Obwohl ich sonst abgehärtet bin und auch bei Schulklassenlärm lernen konnte, war das echt zuviel....

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    1. (Absätze wurden sofort eingefügt - ich bin mir sicher, dass es sich jetzt besser lesen lässt)

      Manche Geschichten sind schon unglaublich... furchtbar, wenn denn auch noch solche Sturköpfe wie in deinem Fall aufeinander treffen. Bloß gut, dass es "nur" 15 Minuten Quälerei waren und nicht die ganze Fahrt über das Gemecker zu hören war. Wer weiß, wie die Geschichte sonst noch ausgegangen wäre. Eindeutig auch ein Generationenproblem in diesem Beispiel.

      Allerliebste Grüße für dich

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  4. Vielen Dank dafür, ich finde es auch mega eklig was manche da immer in den Nudelsalat reinhauen...habe auch schon die merkwürdigsten Dinge wie Mischgemüse und sowas in einem Nudelsalat probieren müssen, dazu sage ich nur nein danke :D

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